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Der Mann, der die Welt verkaufte

Bei meiner ersten Begegnung mit David Bowie (1970) sah er so aus wie auf dem Titelbild dieses Beitrags. Das ist nicht weiter verwunderlich, da sie im Schaufenster eines Schallplattenladens unweit meiner Wohnung stattfand. Entgegen meiner Gewohnheit verzichtete ich auf das Probehören im Laden, kaufte also das Cover, nicht die in Rille gepresste Musik, und eilte heimwärts.
Um es kurz zu machen: Niemals zuvor oder danach hat mich beim erstmaligen Hören ein Album so begeistert wie “The man who sold the world”.
Die Songs hörten sich ‘so anders’ an und doch irgendwie vertraut, beinahe so, als hätte dieser mir unbekannte Engländer genau den Weg gefunden, den ich gesucht hatte.
Auch wenn viele andere Alben von Bowie herausragend oder zumindest sehr gut waren, so blieb dieses bis heute für mich sein bestes Werk. Erstaunlich ist, dass genau dieses Album die schlechtesten Chartsplatzierungen von allen erreichte …
Nach “Pinups” (1973) verlor ich den ‘Draht’ zu Bowies Musik. Ich schätzte (und schätze ihn noch) als herrlich kreativen und experimentierfreudigen Künstler, doch die Magie war verpufft und zeigte sich nur noch 1978 flüchtig, als ich mit den Vorbereitungen zu seiner Europa-Tournee zu tun hatte, ihm indirekt ein paar Tage Aufenthalt in London verdankte und mich revanchierte, indem ich ihm beim Konzert in Wien – das übrigens absolut perfekt war – zuhörte.
Nun ist David Bowie, der fast genau fünf Jahre älter war als ich, von uns gegangen.
Ich werde mir die Zeit nehmen, mir noch einmal in Ruhe “The man who sold the world” anzuhören und dabei in eine vergangene Welt einzutauchen, die mittlerweile tatsächlich verkauft wurde …

Schnell, schneller und noch schneller …

Habt Ihr schon von “Nanowrimo” gehört?
Ich auch nicht – bis vor Kurzem. Da fiel mir dieses seltsame Wort in einem Facebook-Beitrag auf. Neugierde, dein Name ist Moebius!

Ich mache mich auf die Suche und finde heraus, dass diese wohlklingende Wortschöpfung die Abkürzung für “National Novel Writing Month” darstellt. Aha, denke ich, schon wieder diese Amis. Was denen alles einfällt, wenn ihnen sonst nichts einfällt …
Meine Recherche ergibt sehr bald, dass auch die Deutschen, die Österreicher und noch ein paar Nationen mit von der Partie sind. Doch worum handelt es sich bei dieser Aktion?

Ich bin des Englischen mächtig, deshalb übersetze ich flink: Nationaler Monat des Romanschreibens. Aha. National also. Welche Nation ist gemeint? Ich stelle fest, dass so gut wie jeder mittun kann, zumindest steht das so auf der Website der Organisation, die diese Aktion betreut. Ich erfahre außerdem, dass sich für den November 2013 bisher 177.410 Autoren angemeldet haben. Ich falle beinahe vom Stuhl. Die glauben allen Ernstes, dass sie innerhalb von 30 Tagen einen Roman mit mindestens 50.000 Wörtern – so die Vorgabe – schreiben können, der dann womöglich auch noch gut sein soll.

Nähere Details sind mir nicht bekannt, da ich keine Zeit – und auch keine Lust – hatte, mich an einem
Sontagnachmittag in einem Innenstadtcafé zu einer Versammlung der hiesigen Organisationsleitung einzufinden. Teilnehmen würde ich an der Schnellschreibübung ja ohnedies nicht.

50.000 Wörter entsprechen in etwa einem Roman von 280 bis 300 Seiten in Taschenbuchformat, je nach Schriftgröße. Nun, das macht durchschnittlich 10 Seiten pro Tag, die man schreiben muss, um die Vorgabe zu erfüllen. Das klingt gar nicht so, als wäre das besonders viel, zumindest so lange, bis man einmal zu Testzwecken zwei beliebige Taschenbuchseiten mit der Hand abgeschrieben hat. Nun ist es aber nicht so, dass man als Autor bloß abzuschreiben braucht.
Man benötigt erst einmal den passenden Stoff, die Idee für einen Roman, aus dem sich eine Geschichte entwickeln lässt. Hier fällt bereits das Zauberwort: entwickeln. So etwas braucht Zeit. Mag sein, dass den einen oder anderen Autor die Muse derart heftig küsst, und zwar genau am ersten Novembertag, dass tatsächlich von der Idee über die Ausarbeitung im Kopf und das Schreiben bis zum Überarbeiten und Korrigieren nur 30 Tage vergehen und dabei auch noch etwas Gescheites herauskommt, doch ich bezweifle, dass die Muse das bei 177.410 Schreiberlingen zugleich schafft.

Ich gehe also davon aus, dass ein beträchtlicher Teil der Schreiberlinge mogelt. Diese hinterfotzigen Kollegen haben mit Sicherheit schon längst ihren Roman fix und fertig im Kopf und brauchen nur noch pro Tag 10 Seiten abzutippen. Das sind dann auch vermutlich diejenigen, die sich zum Rudelschreiben im Café einfinden und im Kreise der Kollegen angestrengtes Nachdenken vortäuschen, um dann pünktlich am 30. November triumphierend auszurufen: Haben fertig!
Ich gehe weiters davon aus, dass 177.400 Leute nicht fertig geworden sein oder totalen Mist produziert haben werden. Die zehn wirklich gelungenen Werke wären auch ohne Schnellschreibwettbewerb zustandegekommen, aber womöglich noch rechtzeitig für das Weihnachtsgeschäft, wenn man mit dem Schreiben einen oder zwei Monate eher zu schreiben begonnen hätte. Ende November kann man sich das abschminken. Auch unter diesem Aspekt ist die Aktion blanker Unsinn. Wenn man an eine etwaige kommerzielle Verwertung denkt, muss der Roman spätestens zu Herbstbeginn geschrieben sein, und selbst dann könnte es noch knapp werden. Korrekturen, Lektorat, neuerliche Korrekturen, Werbung – so etwas braucht seine Zeit …

Man setzt sich also im November unter Druck, um vielleicht Mitte Januar oder Anfang Februar ein druckreifes Werk geschaffen zu haben, das genau dann niemand braucht?
Aber: 177.410 Autoren können nicht irren. Ich bin nur einer – ich irre. Ich bin eben altmodisch. Ich schreibe, was mir einfällt, wie es mir einfällt, wann es mir einfällt, und mir ist – zugegebenermaßen – egal, zu welcher Jahreszeit ich damit fertig bin. Ich setze mir kein Limit.

Neuerdings ist auch ein bekannter Online-Händler und Distributor auf den NaNoWriMo-Zug aufgesprungen. Klar doch – je mehr Autoren über diese Plattform veröffentlichen, desto mehr Umsatzprovision bleibt an der Firma hängen. Es gibt ja reichlich Plattformen, über die der Selbstverleger veröffentlichen kann, die zwanzig oder dreißig Prozent des Erlöses einbehalten. Veröffentlicht man den in rasantem Tempo hingeklecksten Roman via den “Aufspringer”, so gibt man als Autor knapp zwei Drittel ab – vor Steuern …
Kein Wunder also, dass sich die Buchvermarktungsbranche alle Mühe gibt, den an sich sinnlosen Wettbewerb mit allen Mitteln zu fördern. Die mangelnde Qualität der Erzeugnisse fällt in erster Linie auf die Hersteller zurück, nicht auf die Händler, die ihre Hände in Unschuld waschen und auf ein reichhaltiges Angebot verweisen, das durch ehrliche, mühsame Arbeit qualitätsbewusster Autoren entstanden ist. Der Leser hat eben Pech, wenn er eine schlechte Wahl getroffen hat …

Die weltumspannende Organisation, die diesen Schreibwettbewerb betreut, tut das nicht ohne gehörigen Eigennutz. Das Merchandising erinnert an die Fan-Shops von Fußballklubs, wie man leicht feststellen kann.
In erster Linie werden Autoren und ihre Angehörigen dort shoppen, wie sich denken lässt.

Autoren, die der Organisation Spenden zukommen lassen, werden im eigenen Bookstore präsentiert:
Diese Plattform kennt außer den teilnehmenden Autoren vermutlich auch kaum jemand …

Insgesamt betrachtet, mag es Autoren geben, die so eine Schnellschreibaktion zum Anlass nehmen, sich mit mehr Konzentration als sonst an die Arbeit zu machen, sei es, um überhaupt einmal zu beginnen, sei es, um etwas Liegengelassenes doch endlich fertigzustellen. Für den wohl überwiegenden Teil der Teilnehmer empfinde ich Mitleid, auch wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit behaupten würden, sie benötigten es nicht.
Ich arbeite langsam oder schnell, wie es gerade läuft. Wenn etwas liegenbleibt, dann bleibt es eben liegen, bis die Zeit reif ist. Und falls ich jemals an so einem Schreiben auf Kommando und im Akkord teilnehmen sollte, seid doch so nett und besucht mich dann und wann in der Klinik. Dort gibt es bestimmt eine nette Cafeteria.

Regio

Regio. Zauberwort. Oder nicht?

“Der Regio-Krimi boomt.”
Zack!
Tut er das wirklich? Und wenn, wieso? Und was ist ein Regio-Krimi überhaupt?
Ich mache mich auf die Suche und finde “Küsten-”, “Eifel-”, “Ost-Westfalen-Krimi” und viele mehr. So gut wie jede deutsche Stadt ist vertreten, dazu kommen einige österreichische Städte, Länder wie Schweden und Regionen wie die Alpen, Wälder und Fluren.
Alle haben ihre Regio-Krimis.
Ein wenig erinnert mich die Sache an die Supermärkte, die mit Lebensmitteln “aus der Region” werben, und für mich liegt der Schluss nahe, dass auch beim Krimi der Werbegedanke eine Rolle dabei spielt, warum Autoren sich gezielt auf Gegenden stürzen, um ihre meist ohne notwendigen Bezug dazu erfundenen Handlungen gerade dort spielen zu lassen.
Die regionale Kultur, das soziale Kleinklima, landschaftliche Eigenheiten oder die besondere Ausprägung des Menschenschlages gerade dort, wo sich die Geschichte abspielt, sind in den seltensten Fällen ursächlich am Entstehen von Mord und Totschlag beteiligt. Dass die Psyche von Menschen, die in einem engen Talkessel im Hochgebirge leben, anders geartet ist als die von Bewohnern der Nordseeküste, scheinen nur die wenigen guten Autoren zu bedenken.
Wozu auch?
Viel interessanter ist es doch, sich die raffiniertesten Mordmethoden auszudenken, die verwirrendsten Motive und Hintergründe zu spinnen und einen möglichst scharf gezeichneten Kommissar mit familiären Problemen zu konstruieren. Schließlich muss in einem anständigen Krimi zu guter Letzt alles aufgeklärt werden.
Ich beginne zu verstehen, welche Fehler ich beim Schreiben meines ersten Krimis begangen habe:
a) Ich habe die Mordgeschichte nicht erfunden.
b) Es gibt keinen Kommissar.
c) Der Fall wird nicht aufgeklärt.
d) Es ist kein Regio-Krimi.
Selbstverständlich gibt es Orte der Handlung, die ich mit einiger Ortskenntnis passabel beschrieben habe, ebenso befinden sich diese in einer Region, aber ich habe nicht daran gedacht, eigens darauf hinzuweisen. Vielleicht hätte ich im Klappentext, der keiner ist, weil es beim Taschenbuch – und beim eBook – keine Klappe gibt, etwas von “Provence-Krimi” oder zumindest “Frankreich-Krimi” erwähnen sollen. Möglicherweise wäre sogar ein Hinweis direkt auf dem Cover sinnvoll gewesen. Allerdings hätte das die Sache verfälscht. Dass die Handlung gerade dort spielt, ist – aus der Sicht des Autors – Zufall. Unter anderen Umständen wäre mein Buch ein “Matterhorn-”, ein “Schwarzwald-” oder ein “Taunus-Krimi” geworden. Dann hätte ich die Besonderheiten jener Gegenden, die Ecken und Kanten – wie auch den Charme – deren Bewohner einfließen lassen.
Für einen Regio-Krimi kann der Autor in der betreffenden Region gezielt werben, bei Kulturvereinen, Kommunen und Buchhandlungen um Unterstützung betteln, in den Dorfzeitungen Rezensionen erhalten.
Vom Städtchen Castellane kann ich nichts erwarten. Es wird kein Bewohner des Ortes, ja, vermutlich kein einziger Franzose jemals wissen, dass ich es zum Zentrum meines Romans gemacht habe, geschweige denn meinen Roman lesen.
Autoren von “normalen” Regio-Krimis wenden sich meist direkt an die Menschen, die dort leben, wo die ungeheuerlichsten Verbrechen begangen werden, ohne dass sie es bisher ahnten.
Ich beobachte schon lange, wie sich zum Beispiel Wiener freuen, wenn in einem Film, den sie sehen, Wien erwähnt wird oder gar Szenen in Wien spielen.
“Der dritte Mann” – ein Regio-Krimi aus der Wiener Kanalisation?
Mitnichten.
Dieser Klassiker hat – so verwunderlich es auch scheinen mag – einiges mit meinem Krimi gemein. Er konnte im Grunde nur in Wien spielen, so wie mein Roman nur in den französischen Alpen spielen konnte; das Lokalkolorit ist gut eingewoben, und es gibt keinen Kommisssar mit familiären Problemen.
Mein nächster Roman wird – wenn alles planmäßig läuft – mit denselben Protagonisten in derselben Region spielen. und es wird wieder kein Regio-Krimi werden. Wen es aber interessiert, der kann (wieder) ein wenig Einblick in eine Region bekommen, die ihren besonderen Reiz hat, den ich – hoffentlich – ebenso gut zu Bildern im Kopf gestalten kann wie die Mordgeschichte.
Ansonsten empfehle ich zur sinnvollen Freizeitgestaltung einen Urlaub in den Bergen und die Tirol-Regio-Card.
Bis dann, Freunde!

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Aktuell war gestern

Viele meiner Geschichten könnte ich erst gestern geschrieben haben, einige vor ein paar Monaten oder Jahren – die Zeit, in der sie entstanden sind, spielt für den Leser keine Rolle. Was da erzählt wird, hätte beinahe jederzeit geschehen sein können, irgendwann in diesem jungen Jahrhundert oder in der zweiten Hälfte des vorigen.
Zum Teil liegt es daran, dass die Themen zeitlos sind, zum Teil daran, dass ich – zumindest bis vor einiger Zeit – davor zurückgescheut habe, einen Bezug zur Zeit herauszustreichen.
Ich habe beinahe ängstlich vermieden, “moderne” Dinge zu erwähnen, wenn sie für die Geschichte nicht von Bedeutung waren. Computer und Handys kamen kaum vor; Stilrichtungen der Musik, die Aufschluss über die Zeit der Handlung gegeben hätten, umschiffte ich wie gefährliche Klippen.
Ich verwendete so gut wie keine Anglizismen, die aus “moderner” Zeit stammen, sondern bemühte mich, auch aus der Sprache Hinweise auf die Zeit der Entstehung einer Geschichte möglichst herauszuhalten.
Tatsächlich ist es unwesentlich, ob sich eine Abschiedsszene an einer Bushaltestelle, eine Parkbankbekanntschaft oder die Ermordung eines Sonnenschirms durch ein Unwetter im Jahre Soundso ereignet.
All dies kann, muss aber nicht Bezug zu einer bestimmten Zeit haben. Busse, Parkbänke und Sonnenschirme gibt es schon sehr lange und an ihrem Prinzip hat sich nichts geändert. Wozu also die Leser mit irgendwelchen Jahreszahlen unnötig verwirren?
Eine der ältesten Geschichten, die ich in den letzten zwei oder drei Jahren veröffentlicht habe, ist vor etwa fünfundzwanzig Jahren entstanden. Der Leser kann sie drehen und wenden, wie er will – ich könnte sie vor fünf oder vor fünfzig Jahren geschrieben haben, weil sie – im Rahmen meiner Lebensspanne – zeitlos ist.
Vor nicht allzu langer Zeit inspirierte mich ein aktuelles Ereignis zu einem Roman. Diesmal wollte, ja, musste ich “in der Zeit” schreiben – und das möglichst schnell. Also machte ich mich an die Arbeit, recherchierte, entwickelte die zusätzliche fiktive Handlung und tippte drauflos. Zwei Monate später war das Geschehen noch immer in aller Munde und mein Buch erschien.
Mir war von Anfang an klar, dass die Zeitspanne, in der das Buch bei den Händlern in der vordersten Reihe stehen würde, kurz war, doch wegen der Aktualität und der Einmaligkeit des Ereignisses sollte dies ausreichen, mehr Leser als sonst anzulocken und das Buch durch den momentanen Verkaufserfolg vielleicht doch länger als sonst in den Schaufenstern zu halten.
Ich war einigermaßen ernüchtert, als ich feststellte, dass sich das Buch zwar besser verkaufte als meine früheren, aber bei Weitem nicht so, wie ich es erwartet hätte – ohne übertriebene Erwartungen gehabt zu haben.
Mittlerweile ist die Aktualität dahin. Das Buch verstaubt in den Regalen.
Immerhin hat es mich auf den Gedanken gebracht, die Protagonisten zu “behalten”. Sie werden in meinem nächsten Buch ein neues Abenteuer erleben, sich entwickeln und – wer weiß? – mir vielleicht so ans Herz wachsen, dass sie zukünftig noch öfter auftauchen. Dann aber wohl nicht mehr in Geschichten nach wahren Begebenheitem.
Aktuell war gestern …

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Von der Kunst, Bücher zu schreiben (2)

Über den Begriff “Kunst” sollte man lieber nicht diskutieren. Sehr wohl aber darüber, ob man das eine oder andere Buch – oder viele – oder gar alle? – als Kunstwerk, den Autor und/oder andere Mitwirkende am Entstehen des Buches als Künstler bezeichnen darf.

“Es ist keine Kunst, ein Buch zu schreiben” ist eine höchst gefährliche Aussage. In dieser unserer Zeit stimmt sie sogar, wenn man es genau nimmt.
Jeder kann einen Text in seinen Computer tapsen und anschließend die weiteren nötigen Schritte unternehmen, um das Produkt seiner Fingerfertigkeit in Form eines Buches anzubieten, ja, es sogar zu verkaufen.

Bücher, vor allem die immer beliebter werdenden eBooks, büßen dadurch einiges an Image ein, weil die kunstfremden Produkte die Qualität des Gesamtangebotes arg verwässern.
Waren es früher die “Schundromane” oder “billige” Liebesromane, die von den Autoren und Lesern “echter” Literatur belächelt und gemieden wurden, so sind es heute die künstlerisch und/oder handwerklich schlecht gemachten Bücher, die angesichts der Vertausendfachung des Angebots das Auffinden von “guten” Büchern schwierig bis fast unmöglich machen.
Hier zeigt sich die Gefahr des einleitenden Satzes: Wenn es keine Kunst ist, kann es doch jeder – also dann mal los!
“Ich könnte darüber ein ganzes Buch schreiben” höre ich immer wieder von Menschen, die dies und das erlebt haben. Und manche tun es dann wirklich.
Gescheite Leute, die etwas zu erzählen, aber keine Übung im Schreiben haben, deren Beherrschung der Sprache – vor allem in der Schriftform – mangelhaft ist, die kein Fingerspitzengefühl dafür haben, wie man eine Geschichte aufbaut, vertrauen sie jemandem an, der sie in lesbare Form bringt.
Die weniger Gescheiten schreiben selber.

Ich behaupte: Man braucht Talent, um eine Geschichte gut erzählen zu können.
Hat man Talent, kann man etwas daraus machen. Talent allein ist noch keine Kunst. Talent muss gefördert, geübt und schließlich zu einem Zweck angewandt werden.
In unserem Beispiel ist der Zweck, eine gute Geschichte zu erdenken und sie vortrefflich zu erzählen.
Das kann nicht jeder, glücklicherweise, denn andernfalls brauchten wir keine Bücher und folglich auch keine Autoren. Oder jeder würde Bücher veröffentlichen – und niemand mehr lesen.

Ja, es braucht Fleiß, Durchhaltevermögen und “Schwielen am Hintern”, wenn man eine (lange) Geschichte niederschreiben möchte. Leider sind diese Attribute nur die lästigen Zugaben zum Talent, die dem Autor das Leben schwer machen. Sie gehören zum Handwerk, ohne das der Künstler nicht auskommt, sei er nun Maler, Musiker, Bildhauer oder Autor, wobei die Schwielen nicht in jedem Fall “am Hintern” auftreten.
Was wäre aber der Fleiß ohne die Inspiration, das Durchhaltevermögen ohne die Kreativität?
Wofür würde man sich die Schwielen antun?
Für das Anfertigen von Schund, Schrott, Abfall …

Nun muss ich doch über den Begriff “Kunst” schreiben.
Was Kunst ist, kann ich nicht allgemein beantworten, aber was sie nicht ist, weiß ich:
Werke aus schlechtem Handwerk, Mangel an Inspiration und Kreativität, und – nicht zuletzt – ohne Originalität.

 

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Von der Kunst, Bücher zu schreiben (1)

Wieder einmal musste ich lesen, dass jemand, der als Autor tätig ist, erstens “Bücher schreiben” schrieb, zweitens meinte, es sei keine Kunst, dies zu tun. “Das bisschen Inspiration, die Kreativität” etc. habe doch nicht mit dem Schaffen von Kunst zu tun; vielmehr komme es auf Fleiß, “Schwielen am Hintern” usw. an.

Ja. In früheren Zeiten wurden Bücher tatsächlich geschrieben, wenn man es nicht allzu würtlich nimmt. Es wurde Blatt um Blatt Pergaments, Papiers oder sonst eines geeigneten Materials mit Tinte oder Ähnlichem fein säuberlich und mehr oder weniger leserlich beschrieben. Anschließend wurden die Blätter gebunden, mit einer Hülle aus Leder schützend umgeben – das Buch war fertig.
Im weiteren Sinn hatte man ein Buch geschrieben, wenngleich man lediglich die einzelnen Seiten tatsächlich beschrieben hatte, doch immerhin hatte man mit eigener Hand Buchstaben aneinandergereiht, bis das Werk vollendet war und nur noch das Auseinanderfallen der Blätter verhindert werden musste.
Es war ein Unikat entstanden. Das Buch. Ein unverwechselbares Exemplar, das zwar in mühsamer Arbeit kopiert werden konnte, aber dennoch für immer einzigartig beiben würde.

Was tut man heute?
Man schreibt Texte: Gedichte, Erzählungen, Biographien, Romane, Geschichten und vieles mehr. Wenige verfassen ihr Manuskript handschriftlich. Manche schwören noch immer auf ihre alte Reiseschreibmaschine, doch die meisten Autoren benutzen allerlei Computer. Dies bietet den Vorteil, dass sie ohne weitere Arbeitsgänge druckfertige Dateien abliefern können.
Druckfertige Dateien? Ja. Seit der Erfindung des Buchdrucks hat sich vieles geändert. Bücher werden gedruckt, nur in Ausnahmefällen als Einzelexemplar, sondern meist in Auflagen, wie klein diese auch sein mögen. Auch diese Fertigungsschritte sind moderner geworden: Das Setzen, das Drucken, das Binden …

Der Autor, so wichtig er auch für die Herstellung (und den Erfolg) eines Buches auch sei, ist nur der Lieferant des Inhalts. Das Buch “machen” Andere.
Wenn nun ein Autor sagt, er schreibe ein Buch, so meint er, er verfasse dessen Inhalt, und zwar – beispielsweise – Kurzgeschichten, eine Erzählung, einen Roman, etc.

Wenn sich der Autor hinsetzt, um seinen Text zu schreiben, weiß er nicht, ob er jemals in einem Buch erscheinen wird. Er mag dies planen, doch so lange das Werk nicht vollendet ist, kann er nicht dessen gewiss sein, dass er dann auch wirklich mit dem Ergebnis seiner Arbeit zufrieden sein, dass sich ein Buchverlag seiner annehmen und sein Werk gedruckt werden wird.
Die Variante, Bücher im Eigenverlag zu veröffentlichen, gab es schon immer. Alternativ konnte man einen Verlag dafür bezahlen, dass er die Arbeiten am Buch, die über die Möglichkeiten des Autors hinausgingen, übernahm.
Heutzutage ist so etwas auch ohne oder nur mit geringen Eigenmitteln machbar und viele Autoren nutzen die Chance – aus welchen Gründen auch immer.
Sie wissen also, dass ihr Text als Buch erscheinen wird, dennoch schreiben sie einen Text, nicht das Buch.
Es ist die Sprache, die vereinfacht – nicht nur für Autoren, auch für Leser.
Sie sagen meist nicht: “Ich lese den Inhalt eines Buches”, sondern “Ich lese ein Buch”.
Dennoch meine ich, dass die Autoren differenzieren sollten.
Ich habe über viele Jahre Geschichten und Gedichte geschrieben und niemals daran gedacht, dass irgend etwas davon in Buchform veröffentlicht werden würde. Ich habe eben Geschichten und Gedichte geschrieben – nicht “ein Buch”, auch wenn es mittlerweile deren sechs von mir gibt.
Ich habe auch Texte geschrieben, die in Zeitungen oder Zeitschriften abgedruckt wurden. Auch das konnte ich vorher nicht ahnen, auch nicht, dass es diese Texte (noch) nicht in Buchform zu lesen geben würde.

Wenn mich jemand fragt, ob ich ein Buch schreibe, verneine ich.
Ich sage: “Ich schreibe gerade an einem Roman. Wenn es sein soll, wird er in Buchform veröffentlicht.”
Das Wichtige ist nämlich nicht das Buch. Das Wichtige ist die Geschichte.

(Ende Teil 1)


Versionen einer Existenz

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Dem Künstler reicht ein einziges Universum nicht.
Parallel zu dem, in dem er isst und schläft, braucht er eines zum Erdenken und Erschaffen.
Jede Form der Kunst hat ihr eigenes Universum, in das der Künstler taucht, wenn ihn der Schaffensdrang packt. Je vielfältiger die kreative Kraft sich zeigt, desto mehr Universen braucht der Künstler. Manche bestehen nebeneinander, manche überschneiden sich, manche sind zweiter Wohnsitz, manche bleiben geraume Zeit unbesucht.
Meine Paralleluniversen heißen Literatur, Musik und Theater.
Sie verhalten sich wie beschrieben – einmal so, einmal so.
Hier könnt Ihr mich besuchen, wenn ich nicht gerade leibhaftig unter euch bin.
Meine Universen sind sehr gastlich …